Aroc und Netuil waren der Anfang aller Dinge. Arocs flammendes Herz schlug
einsam in der Schwärze und nur Netuils Liebe milderte seinen Zorn. Sie
umschloss sein Herz mit ihrem Körper und schuf so den Urgrund. Ihr Leib
bildete Berge und Täler. Ihre Tränen wurden Ozeane. Ihr Atem wurde
allgegenwärtige Luft. Ihre Haare wurden zu Pflanzen. Zuletzt schenkte sie
Aroc einen Sohn, Tirox, Kind von Feuer und Stein.
Lange wandelte er auf dem Leib seiner Mutter, doch war er der Einsamkeit bald
überdrüssig und so erschuf er die Tiere. Doch auch damit war er noch
nicht zufrieden. Da ging er zurück zu Amboss und Esse und schmiedete aus
der Hälfte seiner Seele die ersten Wesen die ihm ähnlich waren. Er
schuf Beal, die Sonne und Ata, den Mond. Er schuf Kuram, den Herren des Totenreichs
und Smoda, die Herrin der Sterne vor dem Reich ihres Mannes, und er sprach zu
ihnen: „Bevölkert die Welt mit euren Kindern auf dass sie die Schönheit
der Welt preisen mögen.“ So schuf Beal und Ata aus vier Erzen Kailan
den Kupfernen, Breal den Irdenen, Sgollach die Goldene und Mallach die Silberne.
Kuram und Smoda nahmen vier Gesteine und schufen Gal aus Granit, Uromach aus
Basalt, Cean aus Marmor und Cir aus Kristall.
Breal nannte man alsbald Bail’Bacad, den ersten Schmied und er lehrte
seine Brüder und Schwestern den Umgang mit Feuer und Hammer und er errichtete
die erste Binge Kóc Ugan genannt, das Herz des Berges. Er lud alle ein
dort zu wohnen, auf ewig die Gesetze achtend die Tirox ihnen aufgetragen hatte.
Dieses erste Geschlecht hieß Sinca, die Treuen, und sie herrschten über
alle Berge der Welt...
... Viele Jahrhunderte herrschte Frieden und Eintracht in Kóc Ugan.
Die acht Sippen lebten friedlich nebeneinander und es gab keinen Zwist. Mit
der Zeit starben oder verließen die Hohen Sinca die Welt und streifen
heute auf ihrer ewigen Reise über das Firmament.
Gal war der letzte und er lebte länger als alle anderen. Als seine Geschwister
die Welt verlassen hatten, baten ihn seine Kinder und Enkel, Nichten und Neffen
er möge nun über sie herrschen. Er regierte lange und seine Zeit war
prächtiger als alle Zeiten davor. Doch schließlich verdarb ihn seine
Macht und er verlangte von den Sinca sie sollten ihn höher ehren als Tirox.
Viele wandten sich damals ab und verließen Kóc Ugan, doch allzu
viele sind geblieben. Sie begannen Tirox Gesetze zu vergessen und waren nur
noch von Gier nach Reichtum und Macht besessen. Da sprach Tirox zu den Treuen
und sie erhoben sich zur ersten Schlacht in der zum ersten mal ein Zwerg einen
anderen tötete. Doch sie konnten gegen Gals Hinterlist nur wenig ausrichten.
Da zerschmetterte Tirox mit seiner mächtigen Axt Kóc Ugan und jeder
Sinca musste die Stadt verlassen. Tirox verwandelte Gals Anhänger in die
dunklen Sinca, Cray genannt und sie ziehen noch heute durch die Erde. Die Zwerge
jedoch die Reue zeigten wurden geläutert indem sie auf eine Insel weit
im Äußeren Meer verbannt wurden. Sie nannten sich nun die Suara,
was die Reuigen heißt.
Gal jedoch ging nicht ein ins Totenreich, er wurde gebannt hinter alle Sterne
und jenseits aller Zeit auf das er nie wieder von Tirox Erbe Besitz ergreifen
kann.
(Auszüge aus den heiligen Büchern von Crun)
Diese kurze Einleitung in die Glaubenswelt der Zwerge ist natürlich keinesfalls
vollständig. Über jeden der acht Enkel Tirox gibt es Bücher in
denen von ihren Taten erzählt wird. Auch die Rückkehr aus dem Exil
unter Garme ist Gegenstand zahlreicher Geschichten und bei vielen steht er in
ebenso hohen Ehren wie die Hohen Sinca selbst.
In diesen Auszügen kann man jedoch bereits viele Parallelen zum tatsächlichen
Ablauf der Weltgeschichte erkennen. Besonders der zweite Teil erinnert stark
an das Ende des Dämonenkrieges, als Qisala in das Reich der Zwerge eindrang
und zum letzten Mal ein Volk verführte. Wenn man den Schilderungen einigen
der ältesten Geschichten der Elfen glauben mag ist auch Tirox nicht mehr
als ein Bogayin, der vielleicht sogar noch im ersten Zeitalter die Zwerge erschuf.
Natürlich würde niemand bei klarem Verstand dies einem Zwerg an den
Kopf werfen. Tirox ist ihr Gott. Schließlich war das einer der Hauptgründe,
warum sich Elfen und Zwerge über Jahrhunderte hassten und bekämpften.
Allen Zwergen ist gemeinsam, dass Tirox ihr Hauptgott ist und nur für sie
zuständig. Zu allen Zeiten haben sie Menschen – insbesondere Schmiede
– belächelt, die ebenfalls das eine oder andere Gebet an Tirox wandten.
Sie sind sich durchaus der Tatsache bewusst, dass es noch andere Götter
gibt. Diese sind eben für andere Völker zuständig.
Allen Zwergen sind folgende Punkte gemeinsam: Der höchste und einzige
Gott ist Tirox. Ihm kommt die meiste Verehrung zu. Seine ersten vier Kinder
Beal und Ata, Kuram und Smoda werden kaum verehrt, zu fern sind ihre Sphären.
Nicht besser geht es Aroc und Netuil. Für die Zwerge sind sie die Welt
an sich und Einfluss auf sie hat allein ihr Sohn Tirox. Erst wieder die Kinder
der vier Erstgeschmiedeten, die acht Stammväter und Mütter, die Hohen
Sinca genannt, genießen starkes Ansehen. Ihnen werden sogar göttliche
Eigenschaften zugesprochen. Deren Kinder wiederum werden allgemein Sinca genannt.
Sie sind eine Art Schutz- und Hausgeister, die aber nicht zwangsläufig
alle gutmütig sein müssen. Fast jede Sippe kennt einen dieser Sinca,
der eben diese eine speziell beschützt.
Der erste und größte Unterschied zwischen Ost- und Westzwergen ist
sicherlich der, dass die Meneloczwerge es fast schon scheuen sich direkt an
Tirox zu wenden und lieber die Priester machen lassen oder die Enkel Tirox anbeten.
Die Zwerge des Ostens richten ihre Gebete direkt an ihren Hauptgott. Sie kennen
die selben Bücher verehren aber die göttliche Familie trotzdem nicht
im selben Maße. Dies mag ebenfalls ein Grund gewesen sein, dass sie einst
die Hallen Zachkotts und Indoras verlassen haben und nach Osten zogen. Einzig
die Asa, die Braut Tirox’ wird noch von allen als eine verehrungswürdige
Instanz angesehen, auch wenn fast kein Ostzwerg jemals in den Westen reist um
ihr seine Aufwartung zu machen. Der Umgang mit der Religion im Osten ist wesentlich
lockerer als im Westen.
Seltsamerweise genießen die niederen Sinca wiederum einen höheren
Stellenwert im Osten als im Meneloc. Scheinbar, kommt der Glauben der Zwerge
nicht ohne einen tiefen Aberglauben aus. Diesen lebt man im Westen durch die
acht Enkel von Tirox und im Osten eben durch die niederen Sinca aus.
Beal ist der Herr der Sonne und teilt sich mit seinem Sohn Breal die Überwachung und Einhaltung der Gesetze. Ata ist die Herrin des Mondes, der Fruchtbarkeit und der weiblichen Zwerge im besonderen.
Kuram ist der Herr des Totenreichs. Mit ihm sitzt man an der Tafel im ewigen
Feste vereint.
Smoda ist die Herrin der Sterne und Geister und die höchste der Sippensinca.
Beschützer der Schmieden, der Gesetze und der zwergischen Kultur im Allgemeinen. Zumindest im Westen ist er fast ebenso wichtig wie Tirox selbst.
Seine Geschichte erzählt vom Kampf mit einer Bestie, die einst alles Wissen verschlang. So wird er oft im Streit mit dieser dargestellt, wie er mit erhobener Axt in ihrem Maul steht. Er ist der Schutzpatron allen Wissens.
Werden fast immer zusammen verehrt. Sie sind die Götter der Edelmetalle, des Schmucks und des Reichtums.
Der Gefallene. Wer ihn verehrt hat in der zwergischen Gesellschaft seinen Platz verspielt. Er ist das Erzböse und nimmt hier den Platz Ezekas ein. Nichtsdestotrotz steht in jedem Tempel ein verhüllter Steinaltar aus Granit, der immer als Mahnung an alle Zwerge dienen soll.
Ihr Gebiet ist der gerechte Kampf mit Axt und Kettenhemd.
Oft auch der Schöne genannt, er ist der Schutzpatron aller Steinmetze. Man ruft ihn an wenn man ein besonders schönes Kunstwerk schaffen will.
Die Sterngeborene genannt. Die mysteriöseste der Hohen Sinca. Sie ist die Mittlerin zwischen ihrer Mutter und den Seelen auf dem Weg zu Kuram.
Crun ist seit mehreren Jahrtausenden das religiöse Zentrum aller Zwerge.
Wahrscheinlich ist es auch einer der Gründe warum Zachkott heute noch besiedelt
ist, den ertragreiche Eisen- oder Edelmetallminen gibt es nur noch in den tiefsten
Tiefen. Selbst der Aufstieg zum Zentrum der Zwergenheit lässt sich auf
die Umsiedlung des Klosters von Indora hierher zurückführen.
Die Macht des Klosters beruht auf dem Umstand, dass anders als bei den Menschen
Magie als eine göttliche Kraft angesehen wird und deshalb die Ausbildung
und Kontrolle in den magischen Künsten in den Händen von Priestern
liegt. Bei den Zwergen gibt es dafür nur einen Ort: Crun.
Die eigentlich mächtigste aller Priester ist die Asa, die Braut Tirox.
Die Ursprünge dieses Amtes gehen noch auf die Zeit vor dem Exil zurück,
denn schon in den ältesten Quellen wird sie erwähnt. Seit Urzeiten
wird jeweils eine junge Priesterin die bis zu diesem Tag auf ihr Amt vorbereitet
wird, nach dem Tot der alten Asa in die so genannte Sternenkammer eingemauert,
wo sie den Rest ihres Lebens, oft noch viele hundert Jahre, in Gebet und Meditation
verbringt. Nur über ein kleines Loch erhält sie Lebensmittel und Wasser
und kann mit der Außenwelt kommunizieren. Ihr wird die ganze Weisheit
Tirox zu Teil und eine Unzahl an Büchern und Schriften künden von
den Erkenntnissen der Asas.
Ihr engster Vertrauter ist der so genannte Kail, der seit 29 Generationen aus
der selben Sippe stammt. Er ist die Stimme mit der sie zur Außenwelt spricht,
die Vertretung an den Orten zu denen sie nicht gehen darf.
Nur zweimal hat eine Asa die Sternenkammer zu Lebzeiten verlassen. Das erste
Mal bei der Umsiedlung von Indora nach Zachkott. Das zweite Mal während
der Sippenkriege. Damals stürzte sie sich in den Tot nachdem sie das Kommen
Ulwes und das baldige Ende des Krieges prophezeit hatte.
Eine Besonderheit der Zwerge des Westens sind sicher die Cirin, die Priesterschaft
der Cir. Wo deren Ursprünge liegen ist weitgehend unbekannt, es darf jedoch
vermutet werden, dass sie vielleicht ursprünglich von den Grünzwergen
übernommen wurden.
Die Cirin nennen sich selbst die Seelenhirten. Sie streifen ebenso durch die
Gebirge wie so viele der zwergischen Wanderpriester. Sie sind für alle
Beerdigungsriten zuständig. Das wirklich außergewöhnliche an
ihnen ist jedoch ihre zweite Aufgabe: die Geisteraustreibung. Sie bewerkstelligen
dies indem sie den verwirrten, oft auch bösen Geist in sich aufnehmen und
mit der Zeit die Ruhe schenken die ihre Seele benötigt. Viele Cirin sind
wohl schon an dieser Aufgabe gescheitert und dem Wahnsinn verfallen.
Das häretischie an ihrem Glauben ist, dass es eigentlich kein wirklicher
Glaube ist. Ein Cirin ist davon überzeugt, dass er nach dem Tot nicht in
das Totenreich einzieht, sondern in der Welt dazwischen verharrt, und dort weiterhin
an der Seite Cirs den Seelen hilft ihren Weg zu Kuram zu finden. Ob dies nun
tatsächlich der Fall ist, kann bezweifelt werden, Tatsache ist jedoch,
dass viele Cirin über große seherische Fähigkeiten verfügen,
die sie auf ihre verstorbenen Vorgänger zurückführen. Es wird
sogar gemunkelt, dass sie in der Lage sind bereits zu Lebzeiten ihren Körper
für kurze Zeit verlassen können um in der Zwischenwelt zu reisen.
Viele Jahrhunderte lang wurde die Gemeinschaft ausgeschlossen und verfolgt.
Erst mit Ulwe und seinem engsten Vertrauten, eben einem Cirin, änderte
sich die Einstellung der zwergischen Kirche zu dieser Sekte und heute sind sie
ein Teil der kirchlichen Gemeinschaft. Die Meinung der Bevölkerung über
sie geht jedoch weit auseinander. So sind sie in Zachkott ein fest integrierter
Teil der Gesellschaft, deren Gegenwart man schätzt, wohingegen sie in den
entlegenen Bingen und Dörfern oft gefürchtet und sogar gehasst werden.
Eine noch viel legendärere Gemeinschaft als die der Cirins, sind die so genannten Lavaschmiede, die einzige Anhängerschaft des Aroc. Sie sollen in den tiefsten Tiefen der Erde leben und – wie ihr Name schon sagt – die unglaublichsten Waffen und Rüstungen mit Hilfe von Magie und Lava schmieden. Dereinst wenn die Welt wirklich bedroht ist, werden sie an die Erdoberfläche zurückkehren und ihr Wissen und ihre Artefakte im Kampf gegen das Böse einsetzen. Ob diese Gemeinschaft tatsächlich existiert ist nicht bekannt. Das Kloster von Crun hüllt sich hier in Schweigen...